von Ronja Lotz.

Zum Gespräch von Jörg Sasse und Matthias Mühling.

Am Abend des 18. Juni fand ein Künstlergespräch im Rahmen der Vortragsreihe “Was macht das Medium? Kunst im Zeitalter des Digitalen” mit dem Fotografen Jörg Sasse und Matthias Mühling, Kurator für Kunst nach 1945, statt. Im Gegensatz zur brütenden Hitze draußen ging es bei kühlen Temperaturen im Kunstbau um die Frage, wie Jörg Sasse das Medium der Fotografie im Zeitalter von Internet und Bildbearbeitung behandelt. Was macht seine Kunst also aus?

Einleitend stellte der Künstler seine in den letzten 30 Jahren geschaffenen Werkszyklen vor und erläuterte seine Arbeitstechniken seit seiner Studienzeit an der Düsseldorfer Akademie in der Klasse von Bernd und Hilla Becher. Zu Beginn war er oft bei Kommilitonen zu Hause, fotografierte Keller, Studentenbuden oder in der Wohnung von entfernten Bekannten. Fast immer staunten diese über den Aufwand, den der Fotografiestudent beispielsweise mit der Belichtung und dem Arrangieren betrieb. So entstand auch eine Fotografie namens „W-84-03-01, Bad Salzuflen 1984“ in der Wohnung eines Freundes, welcher eine Art Ahnenwand mit geerbten Tonkrügen, einer großen Ansicht von Passau und darüber Hirschgeweihe zeigt. Was nicht auf dem eher bieder anmutenden Ausschnitt zu sehen ist: “Die Ahnenecke ist der einzig ruhige Punkt in einer sonst unglaublich chaotischen Wohnung”, erzählt Jörg Sasse. Die Fotografie erscheint in einem neuen bis dato nicht bekannten Kontext, den es in einem späteren Schritt ebenfalls seperat zu untersuchen gilt. Vor dieser Erläuterung hätten vermutlich die meisten Zuhörer diese Aufnahme bei leicht konservativen Menschen im Wohnzimmer vermutet.

Sasse selbst stellt somit die Frage: “Welche Bilder sind überhaupt glaubwürdig und was versuchen sie uns zu zeigen?” In seinen Werken geht es um verborgene Bildwahrheiten, die es zu entdecken gilt. Bereits seit den 90er-Jahren bearbeitet der Künstler sein Fotomaterial nachträglich, setzt Lichtreflexionen, verändert die Farbigkeit oder nimmt kleinere oder auch sehr große Retuschen vor, bei denen ganze Figuren aus einem Bild entfernt werden können. Durch die Bilder, die der multimedialvernetzte Mensch täglich in Massen konsumiert, sind wir es gewohnt zu glauben, was wir sehen ohne es zu hinterfragen. Sasses Fotografien wecken die wage Vermutung, dass etwas nicht ganz stimmig ist in seiner Bilderwelt. Daduch möchte der Künstler den Betrachter verunsichern und aus gewohnten Sehkonventionen wach rütteln.

Um so mehr verwunderte in diesem Kontext die Zwischenfrage aus dem Publikum, ob der Künstler Vorher-Nachher-Beweisfotografien für die digitale Bearbeitung anführen könne und wo der künstlerische Schaffensakt bliebe? Bereits der Akt der Auswahl eines zu bearbeitenden Bildes aus Tausenden von Fotos ist bewusst gesetzt. Matthias Mühling erwähnt zudem, dass die Frage nach dem künstlerischen Schaffensakt sich bereits seit dem Ready-made von Marcel Duchamp (wie etwa der Flaschentrockner, das Fahrradrad oder Fountain) kunsthistorisch erübrigt habe.Würden dann Beweisfotografien wirklich ausreichen, um das Misstrauen des Betrachters zu vertreiben? Oder gaukeln sie nur erneut eine Wirklichkeit vor, die es so nie gab und geben wird? Sasse meint dazu: “Die Manipulation in der Fotografie ist so alt wie die Fotografie selbst.” Und sei es nur die Art der Belichtung oder die Wahl einer besonderen Perspektive. Um den Unterschied trotzdem deutlich zu machen, suchte Sasse für die von ihm bearbeiteten Bilder nach einem anderen Begriff als dem der “Fotografie”: Tableaus nennt er die großen, als Einzelwerk geltenden Arbeiten, Skizzen den bereits bearbeiteten Bilderfundus.

Jörg Sasse beschäftigt sich nicht nur mit Sehkonventionen und deren Manipulation, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir Bilder nach bestimmten optischen Kritikpunkten ordnen und sortieren. In seinem Werk “Speicher I” von 2008 stapelt er 512 Fotografien und hängt zudem kleine Kärtchen mit Begriffen an eine Wand in der Nähe des Speicherturms. Auf den Kärtchen stehen Inventarnummern von Fotografien aus dem Speicherturm, von denen der Künstler denkt, dass sie besonders gut zu einem Begriff passen. Auf Wunsch des Betrachters holt ein Ausstellungsmitarbeiter die Bilder, die so individuell vom Besucher gehängt werden können. Die bereits vorhandene konzeptuelle Wertung des Künstlers, welche Werke zu welchen passen, kann als Vorschlag, aber auch als Einschränkung betrachtet werden. Und erneut tut sich die Frage auf, inwiefern wir bei der alltäglichen Bilderrezeption bevormundet werden. Ähnlich wie bei einer Bildersuchmaschine im Internet werden Vorschläge gemacht, Begriffe verschlagwortet und relational nebeneinander gestellt. Würde man selbst die Bilder nach anderen assoziativen Mustern ordnen?

Publikationen:
D8207 Fotografien von Jörg Sasse. Walter König, Köln, 2008.
Internetseite des Künstlers: www.c42.de
Abbildungen: © Jörg Sasse, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

 

Heute, 25.06.2013, um 18 Uhr findet im Kunstbau ein Gespräch mit Katharina Grosse und Ulrich Loock über Malerei statt. Der Eintritt ist frei.

Ronja Lotz ist Studentin der Kunstgeschichte an der LMU München und Mitarbeiterin in der Abteilung für Kommunikation im Lenbachhaus.

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