von Ronja Lotz.

Zum Vortrag von Isabelle Graw „Der Wert des Lebendigen – Malerei als indexikalisches Medium in der neuen Ökonomie“

Am Dienstag den 4. Juni war Dr. Isabelle Graw, Professorin der Kunsttheorie an der Städel Schule in Frankfurt und Herausgeberin der Zeitschrift „Texte zur Kunst“ zu Gast im Lenbachhaus. In drei prägnanten, jedoch nicht minder komplexen Thesen trug Isabelle Graw ihre Ideen zur Malerei vor. Allem voran die drängende Frage: Warum hat die Malerei immer noch ein so herausragenden Stellenwert?

1. Die Medienunspezifik der Malerei

Malerei kann seit Längerem bereits nicht mehr im klassischen Sinne auf der Leinwand gesehen werden. Sie tritt aus dem ehemals begrenzten Rahmen des Mediums heraus und befindet sich nun überall. Diese Art von Entgrenzung und Intermedialität haben mitunter bereits die Künstler der klassischen Avantgarde forciert, und so zog sich diese Entwicklung z.B. über El Lissitzkys Proun Room von 1971 bis in die Gegenwartskunst hinein. Graw geht es jedoch an dieser Stelle nicht um die Frage nach dem Prozess der Entgrenzung der Malerei oder wie dies von statten ging, sondern eher darum, was von der Malerei übrig geblieben ist. Die Frage lautet: Was ist noch spezifisch für Malerei? Hier müsse man – angelehnt an den Begriff von Rosalind Krauss und ihrem Schlagwort der “Post-Medium-Condition” – mit einem erweiterten Begriff von Malerei arbeiten, so Graw. Dieser Schritt ist nötig, da Malerei längst nicht-malerische Elemente aufgenommen und verinnerlicht hat. Als Beispiel sei hier das Dada-Bild Nature Morte von 1920 genannt. Es vereint in sich die Logik des Readymades und des linguistischen Moments. Der Künstler Francis Picabia fixierte dafür einen Plüschaffen auf die Leinwand und schrieb um diesen herum Sätze, wie “Portrait de Renoir”. Abgesehen von der tatsächlichen Bedeutung dieser Worte, bleibt jedoch die Frage was der erweiterte Begriff von Malerei konstatieren soll? Hier greift Isabelle Graw die Theorie des Philosophen Charles Sanders Peirce und dessen Definition von Indexikalität auf.

2. Die Indexikalität von Malerei

Der Vorschlag lautet, da die Zeichen der Malerei nun auch in nicht-malerische Praktiken, also jenseits von Leinwänden wirksam sind, sollte Malerei als eine Form der Zeichenprodukiton begriffen werden. Diese wird von den Rezipienten zusätzlich als ausgesprochen personalisiert erlebt.
Das indexikalische Zeichen funktioniert, wie Peirce es bestimmt, physikalisch, als Abdruck oder Spur und setzt damit die tatsächliche, körperhafte Präsenz dessen, was es bezeichnet, voraus. Wenn Malerei als indexikalisches Zeichen gesehen wird, ist sie, so Graw, also in der Lage, die Suggestion einer Anwesenheit des abweseden Künstlers zu erzeugen. Hierfür müssen die Künstler keineswegs selbst Hand an das Werk gelegt haben, und doch verspricht der Kunstgegenstand z.B. “ein echter Koons” oder ein “echter Warhol” zu sein. Aus dem ehemaligen Objekt – also dem Kunstwerk – wird also ein „Quasi-Subjekt“. Der Topos der Malerei als Quasi-Subjekt gab es historisch gesehen bereits öfters. Künstler wie Charline von Heyl oder Gerhard Richter beschwören bis heute Figuren der Malerei hevor, welche ihnen beim Schaffensakt die Hand führen oder die Bilder machen gleich selbst „was sie wollen“. Diese Arten der Mystifizierung steht ganz klar im Sinne des Wertebildungsprozesses der Kunst und heizt diesen an.

3. Der Wert von Malerei

Bei der Frage, was Malerei wert sei, zieht Graw die Theorie von Karl Marx heran, obwohl sich dieser nicht explizit mit Kunst, jedoch mit dem Warencharakter im Allgemeinen beschäftigte,. Hier ist es essentiell zu beachten, dass der Wert nicht automatisch gleichzusetzten ist mit dem Preis. Nach Marx ist eine Ware an sich wertvoll, weil der Wert ein „rein gesellschaftliches“ Phänomen ist. Kein Kunstwerk ist proforma wertvoll, sondern dessen Wert muss immer in sozialen, institutionellen und kommunikativen Prozessen kontinuierlich ausgehandelt werden, verdeutlicht Graw. Der Unterschied zwischen symbolischen und materiellen Wert eines Kunstwerks weist genau auf diesen dichotomen Zustand hin. Darüber hinaus ist für Marx der Wert einer Ware schlechthin als menschliche Arbeit generiert. Das Werk steht also symbolisch für einen Teil des Künstlers und verweist auf im übertragenen Sinne geronnene Arbeits- und Lebenszeit des Erschaffers. Die werkimmanente Lebendigkeit, welche in vielerlei Hinsicht modifiziert und ausgeschöpft werden kann, steigt zur gefragten Ressource auf dem Markt auf und modifiziert die Wertigkeit.

Der Vortrag als solches, so Isabelle Graw, muss vor allem noch als „work in progress“ verstanden werden. Um genau dieses Thema soll es nämlich in ihrer nächsten Publikation gehen. Bereits jetzt veröffentlicht ist ein anderer Text zum Thema: „Das Versprechen der Malerei. Anmerkungen zur Medienunspezifik, Indexikalität und Wert“ in dem Bändchen „Über Malerei. Eine Diskussion“ von Isabelle Graw und Peter Geimer.
Im Anschluss an die Ausführungen von Isabelle Graw schloss sich eine rege Disskussionen mit dem Publikum über Kant, den Stellenwert der Fotografie oder Skulptur sowie der Ästhetik und die Auratisierung der Malerei im Allgemeinen an.

Ronja Lotz ist Studentin der Kunstgeschichte an der LMU München und Mitarbeiterin in der Abteilung für Kommunikation im Lenbachhaus.

Bildnachweis: Francis Picabia: Natures Mortes. Portrait of Cézanne, Portrait of
Renoir, Portrait of Rembrandt, 1920, Abbildung in der Zeitschrift
„Cannibale“, Nr. 1 (Wikicommons)

Einen weiteren Bericht zum Vortrag von Isabelle Graw geschrieben von Jeannie Carey lesen Sie hier.

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