von Lisa Mayerhöfer, Goethe-Institut München, Gastbloggerin.

Was macht das Medium? Kunst im Zeitalter des Digitalen.

Vortragsreihe vom 21. Mai bis 23. Juli
Goethe-Institut und Lenbachhaus München.

Warum analog fotografieren, wenn es Digitalkameras gibt? Was unterscheidet einen Film in einer Rauminstallation von einer Präsentation im Kino oder im Internet? Wozu malen?
Fragen wie diesen gehen Isabelle Graw, Katharina Grosse, Jörg Sasse und weitere Künstler, Kunsttheoretiker und Kuratoren in der Vortragsreihe „Was macht das Medium? – Kunst im Zeitalter des Digitalen“ nach. Das Vorhaben: die Bedeutung der Spezifik künstlerischer Medien im vermeintlichen „post-medium age“ zu diskutieren.

Den Anfang machte Leonhard Emmerling mit der Frage: Hat das Zeitalter des Digitalen einen neuen Paragone hervorgebracht? Ausgehend vom klassischen Paragone der Renaissance spannte er den Bogen bis zur Moderne. Zwar verlor mit ihr der Wettstreit zwischen den Kunstgattungen an Bedeutung, doch ihre beständige Erweiterung und die Abkehr von Kunst als Mimesis erschwerte die Definition der Spezifik künstlerischer Medien zusätzlich. Im 20. Jahrhundert versuchte sich zuletzt der Theoretiker Clement Greenberg an einer normativen Ästhetik. Nach ihm besteht die Bedeutung der modernen Malerei darin, sich ihrer „Flachheit“ bewusst zu sein. Das Medium enthält nun zugleich die Kritik seiner eigenen Beschaffenheit.
Mit Sicherheit ein interessanter Aspekt, doch wie Emmerling deutlich macht, eben nicht mehr. Dasselbe gilt für den Versuch, das Spezifische der künstlerischen Medien an ihrer eingeschriebenen Zeitlichkeit festzumachen: also beispielsweise die chronologische Betrachtung eines Films mit der synchronen von Gemälden zu vergleichen. Die Materialität von Kunstwerken liefert zwar deutlichere Unterscheidungsmerkmale, doch bei weitem keine zufriedenstellenden. Und was bedeutet unterschiedliche Materialität überhaupt noch, wenn sie für den Betrachter nicht nachvollziehbar ist?

Warum also nun die Frage nach der Medienspezifik? Für Emmerling muss sie neu gestellt werden, da die von der Moderne eingeführte Wahlfreiheit den Künstler nun zwingt, seine Entscheidungen zu begründen. Für die Rezeption bedeutet dies: Man diskutiert nicht länger die Unterschiede zwischen den Gattungen und Medien sondern vielmehr die „Spezifik jeder einzelnen Entscheidung, die ein Künstler fällt, wenn er ein Werk schafft“. Der Begriff der Medienspezifik wird damit zu einem relationalen oder funktionalen. Er bedingt sich durch den Kontext eines Werks, der Qualität seiner Referenzen und Bezugspunkte. „Die Spezifik lässt sich nur noch anhand dessen bestimmen, welche Funktion die Wahl des jeweiligen Mediums innerhalb des semantischen Felds Kunst einnimmt.“

Mit dem Einzug des digitalen Codes findet eine weitere Verschiebung statt. Im Sinne der gängigen Definition von „Medium“ im Kontext der Kommunikation ist der digitale Code ein idealer Träger, da er sich seiner „Information“ gegenüber so neutral wie möglich verhält. Das Digitale avanciert zum neuen Super-Medium, in das sich auf den ersten Blick auch analoge Kunstwerke übersetzen lassen. Doch für Emmerling wird hier deutlich, welche Mankos Kunstwerke in der Funktion als Medium aufweisen: Sie stehen immer auf der Seite der Form, sind Wahrnehmungswiderstand und damit nicht transparent oder neutral.

Die Übersetzung in einen binären Code oder von einem binären Code in den anderen, kann daher nicht ohne Verlust stattfinden. Entscheidend ist für Emmerling zudem: Ein Kunstwerk, auch ein digitales, existiert eben nicht, um Information zu vermitteln, sondern vielmehr Erfahrungen. Es repräsentiert Entscheidungen, die der Künstler getroffen hat. Zwischen den digitalen Medien und der Kunst findet kein Wettstreit statt, über den es Sinn macht zu sprechen, und auch wo ein digitaler Code für ein Kunstwerk benutzt wird, lassen sich diese Unbestimmtheitsstellen finden, die verhindern, „dass das Werk prinzipiell unendlich konvertierbar ist.“ Es gilt, ein jedes Werk in seiner Spezifik zu diskutieren.

Lisa Mayerhöfer ist Volontärin am Goethe-Institut München in der Abteilung für Kommunikation.

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