von Johanna Kerschner, Gastbloggerin.

Geistiges Vermächtnis.

Die erste Begegnung mit Josef Beuys hatte ich am Bildschirm meines damaligen Schwarz-Weiß-Fernsehgeräts. Es muss zur Zeit des in München heiß umstrittenen Ankaufs seines Environments „Zeige deine Wunde“ gewesen sein. Man zeigte die Leichenbahren und die Forken. Ich erinnere mich heute nicht mehr an Worte, die zu den Bildern gesprochen wurden. Ich weiß nur, dass der Anblick des Szenarios schlagartig eine Erinnerung an einen Radiobericht in mir wachrief, an den ich in den mehr als dreißig zurückliegenden Jahren nie mehr gedacht hatte…

Es geschah beim Milch holen bei einem Bauern in Neustadt, einem 2000-Einwohner-Dorf bei Kronstadt in Siebenbürgen, wo meine Mutter Lehrerin war. Als damals ca. Zehnjährige musste ich des öfteren in einer Kanne die Milch abholen. Während ich in der Küche auf die frisch Gemolkene wartete, liefen die Nachrichten im Volksempfänger, welche kundtaten, dass in der rumänischen Stadt Iasi von Tieffliegern aus auf Straßenpassanten geschossen wurde. Die Vorstellung davon erregte mich so sehr, dass ich mir bei heftigem Herzklopfen mit beiden Händen an den Kopf fasste und die Ohren zuhielt.

Der Krieg hatte mich wie ein Blitz getroffen. Und es war das Werk von Josef Beuys, das zum ersten Mal nach so vielen Jahren die Erinnerung an diese heftige emotionale Reaktion auslöste. Dieses Erlebnis prägte entscheidend meine Beziehung zu Beuys im Verständnis für die Traumata, die sein Kriegseinsatz als Sturzkampfflieger im Osten hinterlassen hatten. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, verteidigte ich leidenschaftlich das, was ich als Botschaft seiner Kunst verstand. Es ist wie ein geheimes Kleinod in meinem ganz persönlichen Verhältnis zu dem Jahrhundertkünstler, einem Zeugen dieses 20sten Jahrhunderts mit all seinen Widersprüchen, das auch mir 1933 das Leben geschenkt hat.

Johanna Kerschner ist Herausgeberin des UND Kulturmagazins.

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