von Katrin Dillkofer.

Die beiden Köpfe, die sich auf den kubischen Stelen mannshoch gegenüberstehen, hat Gerhard Richter (* 1932) im Jahr 1971 angefertigt, als Teil eines konzeptionellen Raumes, den sein Künstlerfreund Blinky Palermo (1943–1977) bereits kurz zuvor in der Münchner Galerie Heiner Friedrich gestaltet hatte: Dort wurden alle senkrechten Flächen des Ausstellungsraumes in ‚Münchner Gelb‘ angestrichen – abgesehen von den orthogonalen Kanten zum Boden, zur Decke sowie um die Türen und Fenster. Diese waren durch weiße Streifen abgesetzt. Nachdem sich Palermos Raum zunächst in seiner eindringlichen farbig-lineraren Struktur den Galeriebesuchern als blanker, ästhetischer Erfahrungsraum darbot, wurden bei der zweiten Präsentation des Raumes in der Kölner Dependance der Galerie Heiner Friedrich die beiden Skulpturen Richters in den Raum integriert und in der Längsachse einander frontal gegenübergestellt.

Es sind nicht irgendwelche Gesichter, die sich hier begegnen. Vielmehr hat Richter seinen eigenen Kopf und den seines Freundes Palermo auf die hohen Sockel gesetzt. Es handelt sich nicht um plastisch gestaltete Antlitze, sondern um Abgüsse, deren physiognomische Genauigkeit in einem mehrstufigen Vorgang verfremdet wurde: Zunächst einmal nimmt Richter die Negativformen der Gesichter ab. Dann fertigt er Gipsgüsse an, die er in grobem Pinselduktus bemalt. Schließlich gießt er die Köpfe mit ihrer durch die Bemalung strukturierten Oberfläche in Bronze und setzt sie auf hohe Granitsockel. Zuletzt bemalt er sowohl die Köpfe als auch die Sockel abermals mit grauer Ölfarbe.

Die kubischen Stelen scheinen die Körper zu sein, von denen die Köpfe emporragen. Die angeschrägten Hälse bezeugen nicht nur die fragile Stabilität dieser Häupter, sondern gewähren auch Einblick in die innere Leere der Köpfe, die keine Hohlheit bedeutet sondern schlicht Realität ist: Denn ein Guß hat keinen Kern. Wie die Betrachter begegnen sich auch die beiden Künstlerfreunde auf Augenhöhe. Jedoch sind ihre eigenen Augen geschlossen. Sie scheinen in sich versunken zu sein, ruhig schlafend oder gar tot? Vielleicht rührt diese Ahnung von den alten Totenmasken her, die ihrerseits als Abdruck vom entschlafenen Gesicht mit seinen gesenkten Lidern genommen wurden.

Der Raum mit den beiden Skulpturen birgt Widersprüche: Zwei Köpfe auf monumentalen Sockeln, die zu steinernen Denkmälern ergraut sind. Feierlichkeit wird heraufbeschworen im dumpfen Glanz des Gelb. Aber wird hier wirklich einer Künstlerfreundschaft gehuldigt? Zweifel kommen auf, denn die sakrale Atmosphäre wird im selben Moment unterlaufen: Nichts könnte künstlicher sein als die Begegnung zwischen diesen verfremdeten Menschenbildern in Bleigrau und dem akribisch kalkuliertem Erfahrungsraum in ‚Münchner Gelb‘. Die Freunde Richter und Palermo werfen hier nicht ohne Humor eine ernsthafte Frage auf: Wie weit reicht die Kunst und ihr Absolutheitsanspruch?

Gerhard Richter hat, entsprechend dem von beiden Künstlern gemeinsam entwickelten Konzept, den Raum in seiner jetzigen Form 1984 im Lenbachhaus eingerichtet. Anlässlich der Wiedereröffnung im Frühling 2013 wird dies ein drittes Mal geschehen.

Katrin Dillkofer ist wissenschaftliche Volontärin in der Abteilung Sammlungen / Ausstellungen / Forschung am Lenbachhaus.

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