AFTER THE FACT

 30. MAi–17. September 2017 IM Kunstbau

AFTER THE FACT. PROPAGANDA IM 21. Jahrhundert

 

AFTER THE FACT. PROPAGANDA im 21. Jahrhundert
30.MAI–17. SEPTEMBER 2017 im Kunstbau

PROPAGANDA Im 21. Jahrhundert

Die beste Propaganda erscheint im Gewand des Entertainments. (N.J. O'Shaughnessy)

Propaganda wird gemeinhin als eine für die aufgeklärte Öffentlichkeit durchschaubare und eher krude Strategie der Manipulation verstanden, die in totalitären oder autoritären Staaten stattfindet. Im Westen denkt man an den deutschen Nationalsozialismus, das Stalinistische Russland oder Nordkorea und den sogenannten Islamischen Staat.

Doch bereits in den 1920er Jahren beschrieb Edward Bernays Propaganda als der Werbung wesensverwandt. Der Neffe Sigmund Freuds wandte die tiefen-psychologischen Theorien seines Onkels auf das von ihm mitbegründete Feld der PR (Öffentlichkeitsarbeit) an, welches er als eine Mischung aus Kriegsführung und strategischer Verführung verstand. Für Bernays war Public Relations schlicht ein weniger verdächtiger Name für Propaganda. Knapp vierzig Jahre später befand der italienische Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, dass die faschistische Propaganda die Gesellschaft weniger durchdrungen hatte als jene des Kapitalismus, die mithilfe der Massenmedien Konsum als neuen Lebensstil inszenierte. Dies spiegelte die etwas früheren Thesen des französischen Soziologen Jacques Ellul wider, der »lifestyles« an sich als westliche Propaganda bezeichnete. In den 1980er Jahren wiederum bringen Feministinnen wie die amerikanische Autorin und Kunstkritikerin Lucy R. Lippard eine andere Auffassung von Propaganda ins Spiel, die diese als Möglichkeit für den Feminismus und eine sozial engagiertere Kunst in Anspruch nimmt.

Mit dem 21. Jahrhundert beginnt eine neue Ära der Propaganda. Geopolitische Ereignisse wie der von Georg W. Bush erklärte »War on Terror«, die Kriege im Nahen Osten und die Einführung der Gemeinschaftswährung der Europäischen Union, begleitet von der aggressiven Globalisierung nach 1989 und der rasanten Entwicklung der digitalen Technologien, haben über die Jahre zu verhärteten – und als verhärtet dargestellten – Fronten geführt: Kontrastpaare wie Freiheitskämpfer und Terroristen, Wutbürger und Lügenpresse, politische und wirtschaftliche Flüchtlinge, die Europäische Union als »Wunschziel« (für viele Geflüchtete) und Fluchtgrund (Brexit) prägen die öffentliche Diskussion.

Zuletzt hat der weit verbreitete Einsatz von rechtskonservativen Verschwörungs-theorien in den USA die ideologischen Koordinaten von Institutionen sichtbar gemacht, die lange als neutral und objektiv betrachtet wurden. Die Präsenz von ideologischer Propaganda und Kontrollmechanismen in allen Lebensbereichen ist in Form von Begriffen wie dem Postfaktischen, den »Fake News« und den »alternativen Tatsachen« in der breiteren Öffentlichkeit zum Tragen gekommen.

Das Ausstellungsprojekt »After the Fact« möchte den Propagandabegriff vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, politischer und medialer Entwicklungen des 21. Jahrhunderts neu betrachten. Dabei soll Propaganda nicht als selbstverständliches Übel betrachtet werden, als krude, als erkennbar, als passé, sondern als komplexes und potenziell so hilfreiches wie problematisches Denk- und Analysewerkzeug. Dementsprechend finden die in der Ausstellung vereinten künstlerischen Arbeiten unterschiedlichen, mal expliziten, mal abstrakten Umgang mit heutigen Formen von Propaganda und den porösen Grenzen zwischen Realität und Fiktion, die dem digitalen Zeitalter zu eigen sind. »After the Fact« reflektiert die Auseinandersetzung mit dem Propagandabegriff als Möglichkeit für aktuelle künstlerische und politische Diskurse und die Kunst sowohl als mögliches Vehikel und Hindernis für unterschiedliche Arten von Propaganda.

Mit Sandow Birk, Hannah Black, Bradley Davies, Carmen Dobre-Hametner, Işıl Eğrikavuk + Jozef Amado, Beate Engl, Harun Farocki, Hans-Peter Feldmann, Samuel Fosso, Coco Fusco, Cindy Hinant, Alfredo Jaar, Marika Kandelaki, Wolfram Kastner + Günter Wangerin, John Miller, Marge Monko, Carlos Motta, Khalil Rabah, Julian Röder, Aura Rosenberg, Zoë Sheehan Saldaña, John Smith, Sean Snyder, Nancy Spero, Jonas Staal, Luis Velasco Pufleau + Sergio Santamaría Borges, Franz Wanner.


Kuratiert von Stephanie Weber
Kuratorische Assistenz: Sebastian Schneider
Ausstellungsarchitektur: Marina Correia
Ausstellungsgrafik: strobo B M

Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.


PUBLIKATION

Zur Ausstellung erscheint eine Sammlung historischer und zeitgenössischer Texte (hrsg. von Stephanie Weber und Matthias Mühling, 502 Seiten, Deutsch / Englisch). Mit Texten von Hannah Arendt, Edward Bernays, Bertolt Brecht, Ariel Dorfman + Armand Mattelart, Jacques Ellul, Coco Fusco, Dan Graham, Elfriede Jelinek, Lucy Lippard, u.a.
Die Publikation ist zur Ausstellungseröffnung im Museumsshop und online erhältlich.


veranstaltungen und führungen

Online Propaganda in Deutschland: Narrative und Gegenbotschaften
Ein Gespräch zwischen Julia Fritzsche, Simon Hegelich und Diana Rieger, moderiert von Stephanie Weber
Freitag, 14. Juli 2017, 19 Uhr
Lenbachhaus, Georg-Knorr-Saal
Eintritt frei

Ein Abend mit Coco Fusco: Vortrag und Videoscreening
Samstag, 15. Juli 2017, 19 Uhr
Lenbachhaus, Georg-Knorr-Saal
Eintritt frei

HAUPTAKTION: Situation mit Zuschauern
Sonntag, 16. Juli 2017, 20.30 Uhr
Kunstbau
Eintritt frei

»Das letzte Loch ist der Mund / The Mouth – Our Ultimate Prison«
Filmvorführung mit Klaus Erich Dietl, Regisseur des Films, Filmemacher und Künstler, im Gespräch mit Zara S. Pfeiffer, Politikwissenschaftlerin und Autorin

Di, 25. Juli 2017, 19 Uhr
Kunstbau
Eintritt frei

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen finden Sie hier.

Öffentliche Führungen
So, 4. und 18. Juni, 2., 9., 16., 23. und 30. Juli, 6., 20. und 27. August, 10. und 17. September, jeweils 14 Uhr
im Kunstbau

Kuratorenführungen
Di, 13. Juni, 18. Juli, 8. August, 5. September (in Englisch), 12. September 2017, jeweils 18 Uhr

Führungen mit...
… dem Künstler Franz Wanner und Martina Oberprantacher, Kunstvermittlerin am Lenbachhaus
Di, 20. Juni und 22. August, 18 Uhr

… dem politischen Pädagogen Damian Groten, Bildungskollektiv »Die Pastinaken«, und Martina Oberprantacher, Kunstvermittlerin am Lenbachhaus
Di, 29. August und 5. September, 18 Uhr

Dauer: 1 Std.
Kosten: 2,50 Euro / Person zzgl. Eintritt
Tickets sind an der Museumskasse im Lenbachhaus, an allen Vorverkaufsstellen von München Ticket oder online erhältlich.

WORKSHOPS

ORTSANALYSEN
Mit dem Künstler Franz Wanner
So, 4. Juni 2017, 11 Uhr, ca. 2,5 Std.
Innovationscampus und ehemaliges NS-Arbeitslager in Ottobrunn
So 18. Juni 2017, 11 Uhr, ca. 2,5 Std.
Schutzmauer vor Flüchtlingsunterkunft in Neuperlach
Abschlusspräsentation: Di, 1. August 2017, 19 Uhr, Kunstbau, Lenbachhaus

GELENKT, GESTEUERT, GELOGEN!
Wie Verschwörungsdenken und Fake News funktionieren. Ein Workshop mit dem Bildungskollektiv »Die Pastinaken«
Empfohlen für politisch interessierte Jugendliche zwischen 14-18 Jahren
Sa, 2. September, 14 Uhr, ca. 2,5 Std.
Empfohlen für politisch interessierte Erwachsene
Sa, 9. September, 14 Uhr, ca. 2,5 Std.
Sa, 16. September, 14 Uhr, ca. 2,5 Std.

Anmeldung unter kunstvermittlung-lenbachhaus (at) muenchen.de
Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, die Teilnahme kostenfrei.
Weitere Informationen finden Sie hier.

FRISCHGEBACKEN!

Ein geführter Rundgang für Erwachsene mit Babys
Mi, 28. Juni und 30. August, jeweils 10.30 Uhr

FRISCHGEBACKEN! ist ein geführter Rundgang durch die Dauer- und Sonderausstellung für Erwachsene mit Babys. Kein strenger Ablauf. Kein vorgegebener Plan diktieren den gemeinsamen Rundgang, sondern die Interessen und Bedürfnisse der Teilnehmenden – ob Stillpausen oder Babygeschrei.

Weitere Informationen und Tickets finden Sie hier.

Medienpartner

Zündfunk, das Szenemagazin auf Bayern 2 mit Pop, Politik, Gesellschaft und Netzkultur. Hören Sie mehr über die Ausstellung »After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert« online.

Der europäische Kulturkanal ARTE ist Medienpartner der Ausstellung »After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert«

Frankreich ist 2017 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, unter dem Motto »Frankfurt auf Französisch«. Zu diesem Anlass findet ein umfangreiches Kulturprogramm statt in dessen Rahmen das Institut Français die Ausstellung »After the fact« als Medienpartner begleitet.

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